31.10.12

Burnout & Co. Wenn die Arbeit die Seele krank macht

Psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Bei jeder vierten gilt das Berufsleben als Auslöser

Etwa jeder vierte Deutsche hat während seines Berufslebens eine psychische Erkrankung. Die Zahl der so entstehenden Fehltage hat in den vergangenen zehn Jahren um 80 % zugenommen. Das heißt jedoch nicht, dass 80 % mehr Arbeitnehmer von Störungen wie Burnout, Depressionen oder Schizophrenie betroffen sind: "Dieser Anstieg hat vor allem zwei Ursachen: Die Erkrankungen werden heute von den Hausärzten und den Betroffenen besser erkannt. Außerdem geht man damit auch offener um", erklärt der Psychiater Dr. Werner Kissling, Leiter des Centrum für Disease Management (CFDM) an der TU München. "Zudem konnte man früher – auch wenn man durch eine Erkrankung etwas weniger leistungsfähig war – oft noch an sogenannten Schonarbeitsplätzen weiterarbeiten. Heute macht das sehr enge Leistungsmonitoring das unmöglich, die Betroffenen müssen dann gleich krankgeschrieben werden."

Kissling betont, dass psychische Störungen im Allgemeinen eine genetische Ursache haben. Die Krankheit breche aber oft nur aus, wenn zu dieser Veranlagung noch traumatische Erlebnisse oder zu großer Dauerstress hinzukommen. Tatsächlich komme bei etwa einem Viertel der psychischen Störungen der Auslöser aus dem Arbeitsbereich.

Die häufigste Erkrankung ist die Depression, von der fast jeder Fünfte mindestens einmal im Leben betroffen wird, dicht gefolgt von den Angsterkrankungen. An dritter Stelle kommen dann die Suchterkrankungen, zuvorderst die Alkoholabhängigkeit. Schizophrenie und Essstörungen sind seltener. Das Burnout-Syndrom steht zwar sehr im Mittelpunkt der Medienaufmerksamkeit, ist aber ebenfalls relativ selten und wird nur bei etwa 1–4% der Erwerbstätigen diagnostiziert. "Dieser Hype hat aber einen großen Vorteil: Vielen Menschen fällt es leichter, über ihre psychischen Probleme offen zu reden, seit es diesen wenig stigmatisierten Begriff des Burnout-Syndroms gibt. Und sie trauen sich dann auch eher, dafür professionelle Hilfe aufzusuchen, als wenn sie sagen müssten, ich habe eine Schizophrenie oder eine Suchterkrankung." Auch sonst habe die Stigmatisierung mancher psychischer Erkrankungen etwas nachgelassen. "Aber es fällt uns immer noch deutlich leichter, über körperliche Erkrankungen offen zu reden als über psychische. Und wenn ich über ein Problem nicht reden kann, dann kann es auch nicht gelöst werden." Ein Problem: Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass sie an einer psychischen Störung leiden. "Da hilft nur Aufklärung und noch mehr Aufklärung!", betont Kissling. "Das muss schon in den Schulen anfangen und sollte auch in Unternehmen weitergehen." Tatsächlich habe sich in Unternehmen und Behörden die Einstellung zu diesem Problem in letzter Zeit deutlich verändert. "Bis vor wenigen Jahren wurde das Problem von den meisten verdrängt und es gab kaum gezielte Maßnahmen des Gesundheitsmanagements. Unterdessen hat aber die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen so sehr zugenommen, dass sich viele Unternehmen zum Handeln veranlasst sehen, denn die psychischen Störungen kosten sie inzwischen sehr viel Geld. Die meisten veranstalten nun Gesundheitstage, bieten psychosoziale Beratung für ihre Mitarbeiter an oder lassen ihre Führungskräfte zum Thema schulen – so was wäre vor 10 Jahren noch völlig undenkbar gewesen." Tatsächlich hat der Führungsstil von Managern eine große Wirkung auf die Gesundheit der Mitarbeiter. "Studien zeigen, dass ein schwieriger, schlecht führender Manager bei seinen Untergebenen zu einem erhöhten Krankenstand beiträgt und wenn man ihn an einen anderen Standort versetzt, dann nimmt er diesen erhöhten Krankenstand mit."

Mehr zur Arbeit des CFDM: www.cfdm.de/works
Mehr zum Thema: www.tk.de/tk/26744

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"Große Leidenschaft für den Beruf kann auch Leiden schaffen"

Der Triathlet Jan Frodeno, Olympiasieger 2008 und Olympia- Sechster 2012, über die Liebe zur Arbeit und ihre Kehrseite, die er als tiefen Fall in absolute Erschöpfung erlebt hat.

Jan Frodeno

Jan Frodeno

Herr Frodeno, vor etwa zwei Jahren steckten Sie in einer tiefen Krise. Wie hatte sie sich zuvor angekündigt?

Jan Frodeno: Wenn man wie ich seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat, fehlt einem meist der Abstand, um solche Zeichen zu erkennen. Heute kann ich sagen, dass wachsende Lustlosigkeit und das Gefühl der Überforderung Signale sind. Bei mir folgte dann ein regelrechter Hass auf das, was ich eigentlich am liebsten tue. Ich wollte das hinschmeißen, was mir am wichtigsten war.

Ist man als erfolgreicher Leistungssportler gefährdeter als ein Büroangestellter?

Nein, es kann jeden treffen. Aber natürlich ist der Fall umso tiefer, je größer die Leidenschaft im Job ist.

Wie haben Sie aus Ihrem Albtraum wieder herausgefunden?

Vor allem durch mein Umfeld, meine Freunde haben mir sehr geholfen. Professionelle Hilfe habe ich mir erst im Nachhinein genommen. Wichtig ist, offen und ehrlich über sich zu sprechen, Austausch zu suchen. Es ist altmodisch und nutzlos, psychische Leiden zu tabuisieren.

Was hat sich durch die Krise in Ihnen verändert?
Zum einen meine Motivation. Früher ging es mir um jeden Preis um den Erfolg, heute ist mir die Freude am Sport das Wichtigste. Zum anderen bin ich persönlich gestärkt daraus hervorgegangen. Ich habe sehr gelitten, aber es hat mich als Mensch weitergebracht.