Sonntag, 12. Februar 2012, 10:54

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"Er hat mein Leben verändert"

HSV: Collin Benjamin über die Zusammenarbeit mit einem Psychologen.

ABENDBLATT: Sie haben die Saison mit dem HSV als Achter abgeschlossen - sind Sie enttäuscht?

COLLIN BENJAMIN: Vom Mannschaftsergebnis her schon, persönlich nicht. Für mich war die Saison ein Erfolg. Ich habe so viele Spiele machen können wie nie und mich weiterentwickelt.

ABENDBLATT: Auch mit Hilfe des Team-Psychologen Jürgen Lohr?

BENJAMIN: Natürlich.

ABENDBLATT: Obwohl viele dem Einsatz eines Psychologen skeptisch gegenüberstehen?

BENJAMIN: Ich wußte, daß die meisten Leute denken, man muß krank im Kopf sein, wenn man psychologische Hilfe annimmt. Selbst bei uns in der Mannschaft haben am Anfang alle gesagt, sie würden nicht hingehen. Inzwischen wird allerdings schon relativ offen darüber gesprochen, nicht mehr komisch geguckt.

ABENDBLATT: Wie konnte Lohr Ihnen helfen?

BENJAMIN: Er hat mir gezeigt, daß es nichts bringt, Sachen nur halb zu erledigen. Wenn ich beispielsweise jetzt, bei diesem Gespräch, nebenher immer wieder auf mein Telefon reagieren, mich auf andere Sachen parallel konzentrieren würde, dann wären am Ende wir beide unzufrieden. Sie, weil ich nicht konzentriert gewirkt habe, und ich, weil ich das Gespräch als von mir nicht optimal geführt einstufen würde. Das ist für mich das Wichtigste, was er mir beigebracht hat.

ABENDBLATT: Stellt er Regeln auf?

BENJAMIN: Regeln nicht unbedingt. Nur, daß ich ehrlich zu mir und den Menschen um mich herum bin. Das ist alles.

ABENDBLATT: Kriegen sie Anschauungsmaterial mit? Bücher oder ähnliches?

BENJAMIN: Nein, Bücher gibt es nicht. Dafür habe ich einen Film gesehen. Und als Beispiel dient "Forrest Gump". Der Filmheld, gespielt von Tom Hanks, hatte psychische Probleme - konnte aber meilenweit laufen. Also hat er sich darauf konzentriert und das Beste daraus gemacht. Ich verschwende nicht mehr soviel Energie an meine Schwächen, sondern konzentriere mich auf meine Stärken. Jürgen Lohr, der ein Freund geworden ist, hat mir beigebracht, mich in wichtigen Momenten an schöne Augenblicke zu erinnern. Ich denke zum Beispiel vor Spielen oft an mein Tor gegen St. Pauli, ziehe mich auf meine eigene Insel zurück. Heute hast du großen Druck, mußt den Leuten was bieten. Jeder kennt die Probleme mit Arbeitslosigkeit. Es tut weh, wenn man verliert und weiß, daß ein Freund, der Taxi fährt, im Stadion war. Da entsteht ein Schuldgefühl. Für mich jedenfalls.

ABENDBLATT: Hat es Sie Überwindung gekostet?

BENJAMIN: Man kennt es nicht, es ist was Neues. Ich wollte mir erst einmal ein Bild machen. Es ist wie ein Spiel. Jürgen möchte so viele Infos haben wie möglich und weiß dann, mit wem er es zu tun hat. Er weiß auch, wie er wann auf mich reagieren muß. Früher habe ich nach schlechten Spielen alle möglichen Umstände dafür verantwortlich gemacht. Habe falsche Schuhe beklagt oder zu stramme Stutzen, die die Blutzufuhr beeinträchtigt haben. Ich habe oft auf alle, nur nicht auf mich gezeigt.

ABENDBLATT: Haben sich die Vorurteile gelegt?

BENJAMIN: Klar, aber ich nehme sowieso jeden ernst. Auch unseren Schuhwart, der mir manchmal montags erzählt, was ich seiner Meinung nach falsch gemacht habe. Ich höre mir alles an, fasse alles als Hilfe auf. Natürlich auch unseren Psychologen.

ABENDBLATT: Wie oft gehen Sie heute zum Psychologen? Gibt es da eine Regelmäßigkeit?

BENJAMIN: Nein, eigentlich nicht. Er ist halt immer da, wir reden einfach so miteinander. Das ist ein fließender Prozeß.

ABENDBLATT: Ist es schwierig, ganz ehrlich zu ihm zu sein, wenn man weiß, daß er sich auch mit dem Trainer austauscht?

BENJAMIN: Nein, er ist ja auch Profi. Stell dir vor, ich gehe zu ihm und erzähle was über meinen Trainer. Plötzlich spiele ich eine Woche später nicht mehr und denke, Jürgen hätte was weitererzählt. Dann sage ich doch den anderen Spielern: ,Ey, der Typ hat das und das erzählt'. Dann würde doch niemand mehr zu ihm gehen, dann müßte er seinen Beruf wechseln.

ABENDBLATT: Nationaltrainer Jürgen Klinsmann hat auch einen Mentalcoach eingeführt. Ist es für jeden Spieler eine Bereicherung?

BENJAMIN: Das muß jeder selbst entscheiden.

ABENDBLATT: Für Thomas Doll ist mentale Stärke sehr wichtig . . .

BENJAMIN: Ich glaube, das hat nicht nur mit "Dolly" zu tun. Es gibt so viele Talente, die alle den gleichen Traum vom Profifußballer haben. Ich hatte den ja auch. Und als ich zum ersten Probetraining bei St. Pauli in die Kabine kam, habe ich nett gegrüßt - und nicht einer hat zurückgegrüßt. Da habe ich gedacht, ich gehe lieber wieder, hier mag mich keiner. Mental stärker hätte ich das vielleicht als Motivation empfunden. In unserer Welt mußt du heute mental stark sein.

ABENDBLATT: Wieviel Prozent macht mentale Stärke aus?

BENJAMIN (überlegt lange): Viel. Ich glaube sogar sehr viel.

ABENDBLATT: Haben Sie vorher auch so gedacht?

BENJAMIN: Nein. Es gibt viele Dinge, die man kannte, die einem nur nicht so bewußt waren. Heute habe ich meine Zielpunkte. Das hat mein ganzes Leben, meine Einstellung verändert. Ein Beispiel: Früher habe ich oft Rechnungen bekommen und sie liegen lassen. Nach drei Wochen kamen Mahnungen, ich war noch genervter. Da habe mich gefragt, warum ich das nicht erledigt hatte, habe fehlende Zeit vorgeschoben. Heute erledige ich es sofort, fühle mich dann frei und bei mir fließt wieder Energie. Im Training kann ich mich besser konzentrieren.

ABENDBLATT: Braucht der Profifußball psychologische Hilfe, um den Teamgeist zu stärken?

BENJAMIN: Nicht zwingend. Jeder hat seine Art, sein Leistungsmaximum zu erreichen. Teamgeist definiert sich auch über ein gemeinsames Ziel. Man muß nicht unbedingt außerhalb des Platzes was zusammen unternehmen.

ABENDBLATT: Der HSV ist wieder nur Achter geworden . . .

BENJAMIN: . . . aber mit einem wesentlichen Unterschied. Wenn ein Alkoholiker zum Arzt geht, ist er es nach dem Besuch auch noch. Aber wenn er vom Arzt gesagt bekommt, wie er sein Problem in den Griff bekommen kann, ist er einen Schritt weiter. Ich glaube, daß wir gestärkt in die neue Saison gehen werden.
Interview: J. HAARMEYER / MARCUS SCHOLZ

 

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