"Auch Frauen sind fanatisch"
Interview: Buchautorin Nicole Selmer über den Geschlechterkampf in Sachen Fußball.
ABENDBLATT: Frau Selmer, sehen Frauen ein Fußballspiel mit anderen Augen als Männer?
NICOLE SELMER: Es gibt keine nach Geschlechtern trennbare, elementar verschiedene Betrachtungsweise des Fußballs. Der Unterschied liegt hauptsächlich darin, daß man als Frau in eine typische Männerwelt eindringt. Darin liegt ein gewisses Konfliktpotential, nicht in der Bewertung des Gesehenen. Vieles, was Männer am Besuch eines Fußballspiels fasziniert, fasziniert auch die Frauen: die Stimmung im Stadion, das Spiel, die Spannung, die Liebe zum Verein. Bei Frauen kommt dann noch einiges hinzu, zum Beispiel der erotisch-voyeuristische Blick auf die Spieler. Und sie kommentieren das Geschehen anders.
ABENDBLATT: Zum Beispiel?
SELMER: Na ja, mit Äußerungen wie "Der sieht ja niedlich aus!" oder "Guck mal, die Frisur!" Gegenüber jüngeren Spielern kommen sogar bisweilen mütterliche Gefühle hoch: "Ach Mensch, der kleine Philipp Lahm!" oder so. Frauen zeigen insgesamt mehr persönliches Mitleid nach Fouls, sagen Sachen wie: "Das muß doch unheimlich weh tun." Solche Sätze hört man von keinem Mann.
ABENDBLATT: Finden Sie als Frau Fußball als Gesprächsthema interessant?
SELMER: Unbedingt. Ich könnte stundenlang darüber reden. Es geht so weit, daß ich mich manchmal selbst zur Ordnung rufen und mich fragen muß, ob ich die anderen am Tisch nicht langweile.
ABENDBLATT: Kann es sein, daß Frauen im Publikum lange Strecken eines Spiels mit Dialogen über völlig sachfremde Themen verbringen?
SELMER: Ja, wenn ein Spiel nur so dahinplätschert, dann kommt das vor. Dieses Phänomen ist aber auch unter den Männern zu beobachten. Wobei es darunter ja sogar Typen gibt, die dreimal pro Halbzeit zum Bierholen verschwinden. Das finde ich unmöglich. Wenn mich ein Match sowenig interessiert, dann würde ich doch gar nicht erst hingehen.
ABENDBLATT: Die Zahl der weiblichen Besucher hat allem Anschein nach stark zugenommen. Haben Sie herausgefunden, woran das liegt?
SELMER: Es gibt kein stichhaltiges Datenmaterial dazu, zumal es an älteren Untersuchungen fehlt, die man zum Vergleich heranziehen könnte. Aber wir können wohl davon ausgehen, daß am gestiegenen weiblichen Anteil was dran ist. Mainz 05 kommt auf rund 40 Prozent weibliche Fans. Dieser Trend ist begünstigt worden durch eine gestiegene gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs und durch die Maßnahmen vieler Klubs, Bundesligaspiele zu Familien-Events umzumodeln. In der AOL-Arena etwa gibt es einen Block für Familien mit Kindern, wo die Kleinen Vereinslogos aufgemalt bekommen und dergleichen mehr. Außerdem hat sich das Image des Profifußballs verbessert, weg von den Bierleichen, von Rassismus und Gewalt. Der Fußball von heute ist bunt, schön und laut. Dadurch ist die Schwelle für Frauen niedriger geworden.
ABENDBLATT: Wenn wir die Entwicklung zu Ende denken, könnte es irgendwann Fußballstadien geben, deren Ränge ausschließlich mit Frauen bevölkert sind. Was wäre dann anders, mal abgesehen von der höheren Tonlage der Anfeuerungsgeräusche?
SELMER: Eine interessante Frage. Ich glaube, außer der Stimmlage wären kaum Unterschiede spürbar. Frauen sind ebenso fanatisch wie Männer, ziehen Vereinstrikots über und legen die üblichen Fanutensilien an. Es gibt auch erste weibliche Fanklubs, wie etwa die Always Ultras in Köln. Was sollte die Differenz ausmachen?
ABENDBLATT: Sie erwähnten, daß Rassismus und Gewalt in den Stadien zurückgegangen sei. Wie sieht es mit sexistischen Äußerungen gegenüber Frauen aus?
SELMER: Die gibt es unverändert, wie übrigens auch schwulenfeindliche Sprüche. Aber irgendwie wird das von den Frauen in Fußballstadien eher hingenommen als in anderen Umfeldern. Ich entdecke diese Duldsamkeit auch an mir selbst, wenn ich dumm angemacht werde. Immerhin, tröste ich mich dann, ist das ja einer, der für meinen Verein hält und damit automatisch zu den Guten zählt. Außerdem habe ich keine Lust, im Stadion feministische Feldzüge zu führen, sondern ich will Fußball gucken. Aber ärgerlich ist das schon, weil implizit unsere Kompetenz angezweifelt und offen gefragt wird: Was willste eigentlich hier, wenn man dich nicht mal anrempeln darf?
ABENDBLATT: Die Journalistin Kathrin Weber-Klüver hat kürzlich ihren Abschied von der Fußballberichterstattung erklärt, unter anderem weil Uli Hoeneß, den sie nach einem Spiel interviewen wollte, ihr den Notizblock aus der Hand genommen hat, um ein Autogramm draufzukritzeln. Ist der Fußballkosmos in Deutschland tendenziell frauenfeindlich?
SELMER: Ich denke schon. Schauen Sie nur in die Führungsetagen. Mal hier und da eine Pressesprecherin, aber das war's dann auch schon. Ich habe den Eindruck, die Männer verteidigen verbissen eine ihrer letzten Bastionen.
ABENDBLATT: Es hat den Anschein, als ob alternative Vereine wie Mainz, Freiburg oder St. Pauli Frauen stärker anziehen als die Millionenklubs. Stimmt das?
SELMER: Da wäre ich vorsichtig. Es gibt auch die These, weibliche Fußballfans hätten einen höheren Bildungsstandard als männliche. Das kann sein, ist aber nicht belegt. In Bielefeld soll der Frauenanteil auch ziemlich hoch sein, und die Arminia hat sich ja nicht gerade als studentisch geprägte Alternative einen Namen gemacht. Auch im Dortmunder Westfalenstadion ist der Frauenanteil ziemlich hoch.
ABENDBLATT: Sie sind in Flensburg geboren und aufgewachsen, leben seit 15 Jahren in Hamburg, sind aber Anhängerin von Borussia Dortmund. Inwieweit belasten Sie die Turbulenzen um Ihren Lieblingsklub?
SELMER: Morgens im Radio als erstes die neuen Nachrichten vom Stand der Insolvenz, statt im Sportteil etwas über die gute Form von Kringe oder Ricken zu hören, das befördert Gefühle von Wut und Ohnmacht.
ABENDBLATT: Wie haben Sie das Finanzgebaren des Vorstandes in den letzten Jahren mitsamt dem Börsengang empfunden?
SELMER: Mit dem Gefühl: Das kann irgendwie nicht gutgehen. Es stand immer der Verdacht im Raum, daß da weitaus mehr Geld verpulvert wird, als jemals wieder hereinkommen kann, zumal ja alles von höchst ungewissen sportlichen Erfolgen abhängt. Schon 2002, als Dortmund Meister wurde und im Uefa-Cup-Finale stand, hatte die Sache einen schalen Beigeschmack und verschleierte, daß die Lage im Grunde bereits bedrohlich war.
ABENDBLATT: Tun Ihnen die Leute leid, die mit dem rapide eingebrochenen Aktienkurs praktisch für das Versagen des Managements haften?
SELMER: Nicht wirklich. Die Aktien konnte man doch sowieso nur als Gag- oder Fanartikel sehen. Eine seriöse Kapitalanlage ist es schon mal gar nicht. Wer ernsthaft auf Spekulationsgewinne mit Fußballaktien hofft, muß wohl ziemlich naiv sein.
ABENDBLATT: Finden Sie, daß es gerecht wäre, dem BVB die Profilizenz zu verweigern und den Zwangsabstieg in die Oberliga zu verordnen?
SELMER: Das hängt von meiner Tagesstimmung ab. Ich habe schon damit geliebäugelt, einen Neuanfang im Amateurbereich als Reinigungsprozeß zu begreifen, um dann quasi geläutert wieder aufzusteigen. Aber am Beispiel St. Pauli sehen wir ja, daß das nicht so einfach ist.
ABENDBLATT: Apropos St. Pauli: Haben Sie etwas darüber herausgefunden, wie stark sich Anhängerinnen des HSV von denen am Millerntor unterscheiden?
SELMER: Ja, schon, wobei ich nicht die politische Einstellung oder das Wahlverhalten untersucht, sondern nach dem subjektiven Erleben gefragt habe. Dabei konnte ich erstaunlicherweise keine gravierenden Unterschiede feststellen. Das fanden die Mädchen aus beiden Vereinen übrigens nicht so toll, das wollten sie nicht hören. Aber es ist so.
ABENDBLATT: Vielfach wird Fußball als Segment des Pop-Business gesehen. Himmeln Fußballteenies Ballack und Beckham an wie Robbie Williams oder Daniel Küblböck?
SELMER: Gerade bei jungen Mädchen ist das sicher so. Die sammeln Bilder und kleben sich Kevin Kuranyi an die Wand. Aber das paart sich zunehmend mit einem Interesse für den Sport, denn sie haben sich ja nun mal einen Fußballer ausgesucht und keinen Schauspieler. Manche lesen sogar den "Kicker" oder spielen selbst.
ABENDBLATT: Wie erleben Sie Länderspiele? Ergreifen Sie Partei für die deutsche Nationalmannschaft?
SELMER: Nein, mein Länderspielherz schlägt für Portugal und die Niederlande. Damit macht man sich hierzulande natürlich wenig Freunde.
ABENDBLATT: Der Frauenfußball hat durch den WM-Erfolg Deutschlands erheblich an Beliebtheit gewonnen, zumindest an den TV-Einschaltquoten gemessen. Ist Frauenfußball unter Frauen anerkannter als unter Männern?
SELMER: Bei Frauen, die selbst kicken, schon. Bei anderen ist es ähnlich wie bei Männern: Frauenfußball hat insgesamt eine andere Qualität, zumal selbst bei Bundesligaspielen im Schnitt nur 300 Leute zusehen. Das Gemeinschaftserlebnis Zehntausender im Stadion fällt also weg, und das ist es ja im Kern, was viele Fans zu den Spielen zieht.
ABENDBLATT: Was war eigentlich die verblüffendste Erkenntnis im Zuge Ihrer Recherchen?
SELMER: Ich hatte gedacht, es würde mehr Frauen geben, die so ähnlich wie ich, also erst später im Leben, zum Fußball gekommen sind. Wahr ist, daß die meisten eine fast männliche Entstehungsgeschichte hinter sich haben: Sie sind von ihren Vätern mit ins Stadion genommen worden und haben Feuer gefangen. Ich war mit 20 zum ersten Mal in einem Fußballstadion und nicht mit meinem Vater zusammen. Es gibt aber auch witzigere Wege, Frauen etwa, die sich ihrem Freund zuliebe eine Dauerkarte zugelegt hatten und eines Tages feststellten, daß der Mann weg, die Dauerkarte aber immer noch da war. So kann frau auch zum Fan werden.




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