Toppmöller: Der Kampf eines Chancenlosen
HSV: Diskussionen um den Trainer halten an - wird das Nürnberg-Spiel sein Schicksal?
Hamburg. Eigentlich hat Klaus Toppmöller keine Chance mehr. Wenn man seine Amtszeit nüchtern beurteilt - der 53-Jährige wurde am 23. Oktober 2003 vorgestellt -, hat er sogar nie eine faire Chance gehabt. Jetzt, da seine Mannschaft einen Fehlstart hingelegt hat, als Tabellenletzter ohne Punkt dasteht, drehen sich alle Gespräche im und um den Verein um einen möglichen Trainerwechsel.
Der Betroffene selbst wirkt dabei noch am souveränsten. Vor dem Heimspiel gegen Nürnberg gibt sich Toppmöller selbstbewusst und siegessicher. Fragen nach dem Druck und Folgen im Falle eines Misserfolges umkurvt er bewusst. "Gefühle spielen keine Rolle, nur Ergebnisse!"
Der graugelockte Trainer, dessen Gesichtszüge verraten, dass ihn die Situation und Diskussion doch tiefer berührt als er zugeben mag, richtet einen Appell an die HSV-Fans. Man möge den Druck doch auf seinen Schultern ablegen: "Unser Team soll bitte angefeuert werden."
Ein wenig verzweifelt klingt das schon, aber das ist angesichts der konfusen Lage beim HSV nicht ungewöhnlich. So sehr Vorstand Bernd Hoffmann unter Mithilfe seiner Vorstandsfrau Katja Kraus darauf bedacht ist, ein positives Bild mit Führungsqualitäten und Einheitsstärken vom Bundesliga-Urgestein abzugeben - von Einheiten fehlt außerhalb des Platzes jede Spur.
Da ist das Verhältnis Vorstand/Trainer. Als Hoffmann und Co. Toppmöller verpflichteten, priesen sie seine öffentliche Wirksamkeit an. Heute, zehn Monate später, gilt der Coach intern als "Dampfplauderer", als Sprücheklopfer. Toppmöller soll schon mehrfach verbal mit Hoffmann aneinander geraten sein. Auch die Tatsache, dass die versprochene, sofortige Reinvestition der 7,5-Ujfalusi-Millionen noch immer nicht stattgefunden hat, sorgt für Missstimmungen. Ein oft beobachtetes Szenario beim HSV: Wenn Toppmöller in Fernseh-Interviews oder auf Pressekonferenzen seine zum Teil polternden Kommentare abgab, drehten sich HSV-Verantwortliche entnervt ab oder ließen ihre Augen vielsagend kreisen.
Da ist das Verhältnis Sportchef/Trainer. Dietmar Beiersdorfer und Toppmöller liegen in ihren fußballerischen Ansichten meilenweit auseinander. Der Sportchef ließ schon zu Beginn der Vorbereitung immer wieder Skepsis am offensiven Spielsystem des Trainers anklingen und war seit jeher ein Fürsprecher der Viererkette. Auch bei der Suche nach Neuzugängen lag er zuletzt selten mit Toppmöller auf einer Wellenlänge. So gibt es bei der Bewertung des Kaderniveaus unterschiedliche Ansichten. Ein weiterer Reizpunkt: Beiersdorfer betont, die von ihm initialisierte Scoutingabteilung habe Daniel van Buyten und Emile Mpenza für den HSV entdeckt, nachdem sich Toppmöller die Auswahl auf seine Fahne geschrieben hatte.
Da ist das Verhältnis Trainer/Aufsichtsrat: Bis heute hat es keinen Antrittsbesuch Toppmöllers bei den Kontrolleuren gegeben, die ihn in der Mehrzahl kritisch sehen: Der Coach gebe imageschädigende Statements ab, verhalte sich zu selten diplomatisch.
Da ist das Verhältnis Trainer/Mannschaft: Viele Spieler fühlten sich wegen der direkten Kritik an ihren Leistungen oder Spielweisen verprellt und hegten Groll gegen den Coach. Toppmöllers größter Fehler war die Kapitänsfrage, bei der er Sergej Barbarez Appetit auf ein Amt machte, das jetzt Daniel van Buyten trägt.
Fazit: Toppmöller mag die Differenzen nicht mehr kommentieren. Freunde des Trainers wissen aber, dass er sich zuletzt mehrfach auf die Lippen beißen musste, um keinen Eklat vom Zaun zu brechen. Dass ausgerechnet seine Art ihn zum Einzelkämpfer werden ließ und das Hauptproblem sein soll, wundert ihn: "Ich kann mich nicht verstellen!"
Darum hatte Klaus Toppmöller eigentlich nie eine echte Chance. Die Verantwortlichen, die den Coach aus Rivenich an die Elbe lotsten und aus ihm einen Vorzeige-Hamburger machen wollten, haben sich offenbar nicht ausreichend mit dem Typen Toppmöller beschäftigt. Und darum wäre, selbst wenn der HSV Nürnberg besiegen sollte, ein Trainertausch - Thomas Doll und Ralf Rangnick werden als Kandidaten gehandelt - auch keine Überraschung mehr. Er wäre aber auf jeden Fall eines: eine Bankrott-Erklärung der Kompetenzträger.





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