Klinsmann fordert DFB- Manager
FRAGE: Herr Klinsmann, im Vorfeld der EM hatten Sie auf ein Finale Portugal - Frankreich getippt. Weshalb ist Ihre Prognose nur zu 50 Prozent in Erfüllung gegangen?
JÜRGEN KLINSMANN: Weil Zinedine Zidane und Thierry Henry ihr Potenzial nicht abgerufen haben. Weil es von Anfang an Knatsch darum gegeben hat, ob Kapitän Marcel Desailly fit ist oder nicht. Ich hatte den Eindruck, bei einigen Spielern der Franzosen hat der letzte Wille gefehlt.
FRAGE: Und woran hat es bei den Deutschen gefehlt?
KLINSMANN: Nicht am Willen, sondern am Können. Michael Ballack hat ja, im Gegensatz zu Zidane, sein Bestes gegeben. Da ist mehr nicht drin. Kevin Kuranyi, unser bester Stürmer, ist kein richtiger Mittelstürmer. Das Mittelfeld ist nicht kreativ genug. Wir haben keinen Thomas Häßler und Pierre Littbarski mehr. Und wir sind nicht mehr schnell genug. Mit den Topstars Europas kann auf den ersten Metern nur Philipp Lahm mithalten, und das reicht nicht. Da ist einiges versäumt worden, das korrigiert werden muss.
FRAGE: Deutschland sucht einen Bundestrainer. Sie sind ähnlich populär wie Rudi Völler. Ein Job für Sie?
KLINSMANN: Mit Sicherheit nicht, nein. Im Übrigen gilt es, zunächst andere Dinge zu klären, als einen Trainer zu finden. Deutschland hat jetzt zwei Jahre lang nur Freundschaftsspiele. Da ist es völlig egal, ob der neue Teamchef erst in drei, vier oder fünf Monaten gefunden wird. Ich habe den Eindruck, der DFB drückt sich davor, seine Hausaufgaben zu machen, die zu erledigen sind, ehe ein neuer Trainer gefunden wird.
FRAGE: Welche Hausaufgaben sehen Sie?
KLINSMANN: Als erstes muss ein Manager für die Nationalmannschaft her. Der hätte als Gesprächspartner für Rudi da sein müssen, damit der eine Schulter zum Abladen gehabt hätte. Dann wäre seine Entscheidung vielleicht anders ausgefallen. Er wurde im Stich gelassen.
FRAGE: Und weiter?
KLINSMANN: Der DFB muss offen und ehrlich seine gesamte Organisationsstruktur in punkto Nationalmannschaft, die sich seit Jahrzehnten nicht geändert hat, auf den Prüfstand stellen. Vielleicht sollte er sogar eine Unternehmensberatung hinzuziehen. Alle Betroffenen müssen definieren, was sie wollen, und dann an einem Strang ziehen. Über Ziele und Personen kann nicht mehr der Verband alleine entscheiden. Da muss es eine Kommission geben, an der Verband, Liga, Organisationskomitee WM 2006, Sponsorenvertreter, Medien, Rudi Völler und zwei, drei Spieler teilnehmen. Und erst dann kann der geeignete Trainer zur Umsetzung der Zielvorgaben gesucht werden.
FRAGE: Muss angesichts Ihrer Analyse Gerhard Mayer-Vorfelder zurücktreten?
KLINSMANN: Das will ich so nicht sagen. Er muss nur Strukturen schaffen, bei denen klar ist, wer was zu tun hat und wer was nicht darf. Heute laufen um die Nationalmannschaft so viele Leute herum, dass die Spieler schon nicht mehr wissen, wer wofür und weshalb da ist. Das Bild, das der DFB abgibt, ist einfach jämmerlich. Die ganze Welt schaut auf Deutschland, und dann stellt die internationale Presse fest, dass der deutsche Fußball ein Scherbenhaufen ist und sein Verband orientierungslos. Dabei stehen wir zwei Jahre vor dem wichtigsten Sportereignis, das in den nächsten 40 Jahren in diesem Land stattfindet. Was augenblicklich passiert, kann nicht im Sinne des Landes, der Regierung und der Fans sein.
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