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Es ist was foul im Deutschen Fußball-Bund

Machtkämpfe: Nach Art Shakespeares treiben die obersten Fußballfunktionäre ein Ränkespiel, bei dem es auch, aber nicht nur um die Nachfolge Rudi Völlers geht. Am Montag könnte es zum Finale kommen . . .

Hamburg. Es war die Nacht danach. In den tiefschwarzen Stunden nach dem Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der EURO in Portugal war Gerhard Mayer-Vorfelder endlich wieder in seinem Element. Im noblen "Ria Park Garden"-Hotel tagte der 71-jährige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit Rudi Völler über die Zukunft des Teamchefs und des deutschen Fußballs. Flankiert nur von Horst R. Schmidt (62), dem Generalsekretär des DFB.

Werner Hackmann (57), als Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zugleich Stellvertreter Mayer-Vorfelders beim DFB, blieb - ungefragt - einsam und allein in der Hotelbar zurück. Und auch Schatzmeister Theo Zwanziger (59), ebenfalls DFB-Vize, ging ahnungslos schlafen. Völler-Rücktritt? Kein Gedanke daran. Erst gegen fünf Uhr morgens weckte Schmidt Theo Zwanziger, um ihm kurz mitzuteilen: "Der Rudi ist weg."

Nur ein Beispiel dafür, wer im deutschen Fußball das Sagen hat. Mayer-Vorfelder nimmt sich regelmäßig das Recht heraus, Alleingänge zu riskieren. Schon deshalb thront er über allem. Es folgt eine zweite Reihe mit Schmidt, Hackmann und Zwanziger. Diese vier Herren bilden gemeinsam das Quartett der mächtigsten Funktionäre im deutschen Fußball. Dahinter folgt eine dritte Reihe von acht mehr oder weniger schweig- und folgsamen Herren, von denen bislang selten ein kritisches Wort zu hören war.

Allerdings: Aus dem Quartett stammen die Hauptdarsteller eines opulenten Schauspiels in bester Shakespeare-Tradition - mit einem alternden König, der mit allen Tricks um seinen Thron kämpft, sowie karrieresüchtigen Günstlingen, aufbegehrenden Kronprinzen, unantastbaren Halbgöttern, einem Heer von Hofschranzen und Hochstaplern.

Bei allen Ränkespielen geht es um Macht, um Eitelkeiten und um Eifersüchteleien. Nur: Wer am Ende die Narrenkappe aufgesetzt bekommt, das entscheidet sich erst am nächsten Montag, wenn es zum großen Finale kommt. Dann, bei der Sondersitzung des zwölfköpfigen DFB-Präsidiums, muss der König, also MV I., eine Palastrevolution befürchten - und verhindern.

"Die Stimmung an der Basis ist auf dem Nullpunkt", sagte Engelbert Nelle, der für den Amateurbereich zuständige DFB-Vizepräsident, nach einem Geheimtreffen der fünf Regionalverbände in Barsinghausen. "Wir sind sauer und verärgert, dass es keinerlei Kommunikation gab." Kann Mayer-Vorfelder die Sitzung unbeschadet überstehen? Das hängt einzig und allein "vom Verlauf dieser Sitzung ab", wie ein hochrangiger DFB-Würdenträger glaubt. Und davon, ob die bisher äußerst loyale, von vielen als zu harmlos bezeichnete "dritte Reihe" des Präsidiums aufbegehrt.

Die Vorwürfe gegen Mayer-Vorfelder sind vielschichtig. Vor allem durch seinen autoritären Führungsstil seit seiner Amtsübernahme im April 2001 fühlen sich auch frühere Verbündete zunehmend brüskiert. Wie Generalsekretär Horst R. Schmidt, die graue Eminenz, die die Frankfurter DFB-Zentrale in der Otto-Fleck-Schneise 6 seit 1992 leitet.

Eigentlich wäre die Bezeichnung "Generaldirektor" angemessener, doch dafür ist "HR", die interne Hauptschaltstelle, viel zu bescheiden. Und weil er bis ins Mark loyal gegenüber seinem Chef ist, schweigt Schmidt jetzt, obwohl er tief getroffen ist, dass ihn Mayer-Vorfelder bei der Bundestrainer-Suche nicht einbezogen hat. Stattdessen zog dieser allein seinen persönlichen Referenten, den Juristen Jan Lengerke, ins Vertrauen.

Im Verbands-Präsidium, im Durchschnitt 66 Jahre "jung", sowie im gesamten DFB ist man zunehmend irritiert und besorgt über den wachsenden Einfluss Lengerkes, der beinahe schon die Funktion eines Generalsekretärs ausübt.

Und auch von Hackmann und Zwanziger droht Mayer-Vorfelder wegen der jüngsten Ausgrenzung Ungemach. Zwanziger - auf den ersten Blick ein gemütlich dreinblickender, umgänglicher ergrauter Herr, der aber nicht zu unterschätzen ist. In Rheinland-Pfalz half der CDU-Parteimann tatkräftig mit, dass 1988 Bernhard Vogel vom Amt des Ministerpräsidenten zurücktrat. Zwanziger gilt als einer der möglichen Nachfolger Mayer-Vorfelders, vielleicht sogar als der einzig wahre Nachfolger.

Und Hackmann mit der DFL, der geballten Macht der Profivereine, im Rücken - das ist für Mayer-Vorfelder ohnehin eine ganz besondere Liaison. Seit die Bundesliga 2000 eigenständig wurde und mit der DFL ihren eigenen Verband gründete, hat der früher über allem thronende DFB-Präsident das Filetstück seiner Macht verloren. Im Grunde seines Herzens schmerzt es "MV", dass er nicht mehr allein die Schale an den Deutschen Meister überreichen darf. Immer und überall steht Hackmann daneben, der wiederum bemüht sein muss, das Profil und den Machtfaktor der Liga zu stärken. Schließlich steht im Juli seine Wiederwahl als DFL-Präsident an.

Hackmann, der frühere HSV-Vorsitzende und ehemalige Hamburger Innensenator, hat es geschickt verstanden, die entscheidenden Macher auf seine Seite zu bringen: von Borussia Dortmund und vor allem vom FC Bayern. Denn Hackmann weiß: Ohne das Wohlwollen der Lichtgestalt Franz Beckenbauer, ein echter "Kaiser", der die DFB-Führung früher gerne einmal als "Lachsäcke" verspottete, überlebt niemand lange im deutschen Fußball - auch nicht "MV".

Beckenbauer hält sich in diesen Tagen zwar öffentlich zurück, doch hinter den Kulissen baute er - mit vielen anderen Bundesliga-Clubs - eine gewaltige Drohgebärde auf, um den Flirt Mayer-Vorfelders mit Christoph Daum als Kandidat für die Völler-Nachfolge zu unterbinden. Und in Frankfurt heißt es hinter vorgehaltener Hand längst, dass die Mächtigen des FC Bayern, die sich bisher weigerten, Ämter beim DFB zu übernehmen, in Zukunft stärker Einfluss nehmen wollen.

Und genau das ist das Stichwort für "MV I.". Er betrat jetzt, nach unverständlich langen Tagen des Schweigens, wort- und gestenreich die Bühne. Dabei hätte er mit einem Handstreich alle Vermutungen Richtung Daum auslöschen können.

Mayer-Vorfelder, der im April 2001 noch vom Bonus der Völler-Verpflichtung zehrte und von den 254 Delegierten bei nur einer Gegenstimme gewählt wurde, muss befürchten, dass seine Gefolgschaft wie ein Kartenhaus einbricht. Seine Wiederwahl am 22./23. Oktober in Osnabrück ist gefährdet - und seine Vergangenheit lässt ihn nicht los.

15 Millionen Euro Schulden hinterließ der frühere Finanzminister Baden-Württembergs dem VfB Stuttgart, als er 2000 als Vereinspräsident abdankte. Trotz seiner ehrenamtlichen Tätigkeit erhielt er, wie 2002 aufgedeckt wurde, 300 000 Mark Aufwandsentschädigung. Immer wieder kamen Untreue-Verdächtigungen hoch, die aber zumeist eingestellt wurden. Verurteilt wurde er vom Verwaltungsgericht Stuttgart zu einer Buße von 13 511 Euro, weil er zu viel Übergangsgelder kassierte, als er aus der Landesregierung ausschied.

Dennoch: Den Traum, bei der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Lande als viel umjubelter Präsident den Höhepunkt seiner Karriere zu erleben, hat Mayer-Vorfelder noch lange nicht aufgegeben. "Wer die Wärme nicht verträgt, der darf nicht Koch werden", sagte der alternde König "MV I." gestern kämpferisch.

 

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