"Fußball kennt kein Misstrauen"
Sportgespräch: Holger Obermann über Hilfe für geschundene Seelen und neue Spielfreude in Afghanistan.
ABENDBLATT: Herr Obermann, müssen Sie schmunzeln, wenn jetzt die Bundesliga wieder beginnt und wochenlang über Anstoßzeiten und Fernsehgelder diskutiert wird, während Sie nach einem sechsmonatigen Aufenthalt gerade aus Afghanistan zurückgekehrt sind, wo es darum ging, dass überhaupt wieder zwei Ligamannschaften gegeneinander spielen?
HOLGER OBERMANN: Na ja, für die Bundesliga wäre es schon gut, wenn sie in Asien präsent wäre. Ich weiß aus meiner Zeit in Malaysia, dass die Straßen leer gefegt sind, wenn englischer Fußball im Fernsehen läuft. Das ist ein Markt mit riesigem Potenzial. Ein vorgezogenes Spiel in der Bundesliga kann nicht das Problem sein. Vom Finanziellen mal ganz abgesehen.
ABENDBLATT: Was denken Sie über die Millionensummen, die im Raum stehen?
OBERMANN: Das sind natürlich märchenhafte Zahlen. Ich kämpfe für meine Projekte um jeden Dollar, greife nach jedem Strohhalm. Zum Glück erfahre ich viel Unterstützung. Stuttgart, Leverkusen und Bayern helfen immer wieder mit Trikots, Schuhen und Bällen. Franz Beckenbauer ist immer ansprechbar. Er hat auch schon in Nepal, als ich dort Trainer war, mit 10 000 Mark geholfen, ein von einer Flutwelle verschüttetes Dorf wieder aufzubauen. Die Sepp-Herberger-Stiftung hat 1000 Bälle für Afghanistan gespendet. Ich sage immer: Wo keine Bälle sind, kann man auch nicht Fußball spielen.
ABENDBLATT: Wie kann man sich Ihr sechsmonatiges Engagement als Trainer in Afghanistan vorstellen? Sind Sie mit einem Sack voller Bälle durch die Straßen gezogen?
OBERMANN: Das wäre das schlechte Beispiel eines Zampanos, der wahllos Bälle in die johlende Masse wirft und dann wieder verschwindet. Wir haben gezielt gearbeitet.
ABENDBLATT: Zum Beispiel?
OBERMANN: Wir haben in vielen Seminaren 400 Trainer ausgebildet. Wir haben Grundwissen vermittelt in Technik und Taktik, dazu praktische Übungen wie Dribbeln, Stoppen, Passen. Die 15 besten Trainer haben wir in alle Ecken des Landes geschickt. Dort führen sie jetzt für 100 Dollar im Monat vom Weltverband FIFA die Arbeit fort.
ABENDBLATT: Sie haben vor allem mit Jugendlichen gearbeitet.
OBERMANN: Die Kinder durften ja fünf Jahre lang unter der Talibanherrschaft überhaupt keinen Sport treiben. Das muss man sich vorstellen. Sie konnten ihr Grundbedürfnis nach Bewegung nicht befriedigen, waren praktisch eingesperrt. Die Taliban haben sogar mit Maschinengewehren in spielende Kindergruppen geschossen. Wir haben rund 4000 Kinder bewegt.
ABENDBLATT: Sie haben auch mit Mädchen Fußball gespielt.
OBERMANN: Wir selbst hätten uns das nicht getraut in einem Land, in dem immer noch 90 Prozent der Frauen die Burkas tragen, also total verschleiert sind. Aber das Frauenministerium ist an uns herangetreten, und dann haben wir mit 40 Mädchen einmal in der Woche auf einem Schulhof gespielt.
ABENDBLATT: Die Bundesregierung hat 142 Millionen Dollar Entwicklungshilfe für Afghanistan gegeben, Sie haben für Ihr Projekt 150 000 Euro bekommen. Haben Sie manchmal gedacht, das ist alles nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?
OBERMANN: Im Gegenteil. Ich habe zwar sehr spartanisch gelebt. Hatte ein Zimmer, dort waren ein Schrank, ein Tisch, ein Bett und zehn Nägel an der Wand, an denen ich meine Klamotten aufhängen konnte. Aber ich habe jeden Abend gedacht: Morgen ist ein neuer Tag. Es gab so viel zu tun. Unser Programm war randvoll. Wir haben zum Beispiel auch mit behinderten Kindern Fußball gespielt. Viele von ihnen haben durch die Minen ein Bein verloren. Aber selbst Kinder mit Prothesen tun nichts lieber, als einem Ball hinterherzujagen. Viele werden von ihren Eltern aus Scham im Haus gehalten. Aber zu unseren wöchentlichen Treffen an zwei Orten in Kabul kamen jedes Mal mehr.
ABENDBLATT: Was war Ihr größter Erfolg?
OBERMANN: Vielleicht die Ausrichtung des ersten internationalen Spiels einer afghanischen Nationalmannschaft nach 23 Jahren. Wir spielten unter extrem hohen Sicherheitsvorkehrungen vor 25 000 Zuschauern in Kabul in der WM-Qualifikation gegen Turkmenistan. Wir verloren 0:2, aber das hatte schon etwas Historisches. Für das Land vielleicht ein ähnliches Datum wie für Deutschland der Tag des "Wunders von Bern". Zum Glück blieb alles ruhig. Bei einem Attentat wäre alles, was wir aufgebaut haben, wieder zusammengebrochen.
ABENDBLATT: Wie gefährlich war Ihre Mission?
OBERMANN: Einen Tag vorm Länderspiel schlug eine Rakete ins Hotel ein, wo wir eine Vorbesprechung hatten. Zum Glück waren wir im linken Gebäudeflügel, obwohl einer der Funktionäre mir noch angeboten hatte, in seiner Suite zu tagen. Das hätten wir nicht überlebt. Die Gefahr ist Bestandteil meiner Arbeit, aber kalkulierbar.
ABENDBLATT: Wie das?
OBERMANN: Indem man sich bei Menschenansammlungen sofort entfernt und ausländische Restaurants genauso meidet wie Fahrten in der Dunkelheit.
ABENDBLATT: Ist Afghanistan vergleichbar mit einer Ihrer vorherigen 28 Auslands-Stationen?
OBERMANN: Nein. Das war ein Ausnahmeprojekt, was Gefahr, Basisarbeit und Infrastruktur angeht. Es gab bei meiner Ankunft nur ein Stadion, in dem Fußball gespielt werden konnte.
ABENDBLATT: Das berüchtigte Olympic-Stadion in Kabul.
OBERMANN: Dort wurden unter der Talibanherrschaft Menschen im Mittelkreis erschossen und an den Torlatten aufgehängt.
ABENDBLATT: Gab es keine Probleme, dort jetzt wieder zu trainieren und zu spielen?
OBERMANN: Überhaupt nicht. Dort trafen sich täglich Fußballer, Leichtathleten, Boxer und Taekwondo-Kämpfer. Die Afghanen sagen: Wir können uns nicht mehr mit der Vergangenheit aufhalten. Obwohl praktisch jeder auch privat mit Leid konfrontiert worden ist, zeichnet die Menschen in Afghanistan der Blick nach vorne aus.
ABENDBLATT: Was treibt Sie immer wieder in die ärmsten Regionen dieser Welt?
OBERMANN: Man muss die Menschen nicht nur mögen, man muss sie lieben. Und ich habe schon als Jugendlicher immer im Weltatlas geblättert. Mein schönstes Geschenk war lange ein Globus. Ich wollte mich in der Welt bewähren.
ABENDBLATT: Haben Sie ein Helfersyndrom?
OBERMANN: Kann sein. Ich glaube, ich will einfach nur ein bisschen was von meiner Kraft abgeben. Und es ist schön, wenn dann was zurückkommt.
ABENDBLATT: Sind Sie religiös?
OBERMANN: Nein, aber ich glaube schon, dass es einen Gott gibt, der die Hand schützend über mich hält.
ABENDBLATT: Mögen Sie den Begriff Fußball-Missionar?
OBERMANN: Eigentlich nicht. Das ist mir zu pastoral. Ich bin kein Botschafter, aber der Überbringer einer Botschaft. Ich vermittle über den Umweg des Fußballs Lebensfreude.
ABENDBLATT: Schlägt Ihnen nicht oft Misstrauen entgegen?
OBERMANN: Nein. Fußball kennt kein Misstrauen, sondern öffnet sofort alle Tore. Fußball erzeugt Spielfreude und Optimismus, Selbstwertgefühl und gegenseitige Rücksichtnahme. Fußball kann helfen, schreckliche Ereignisse zu verarbeiten. Junge Menschen lernen, mit Siegen umzugehen und Niederlagen zu akzeptieren. Es geht um die Einhaltung demokratischer Grundsätze innerhalb einer Mannschaft. Wer nicht mitzieht, hat keine Chance. Man lernt außerdem, ein simples Regelwerk einzuhalten. Und Fußball hilft auch, das in Afghanistan nicht geringe Drogenproblem bei Jugendlichen zu reduzieren.
ABENDBLATT: Der Grünen-Politiker Winfried Hermann hat gesagt: Sport ist im Zweifel ein besserer Botschafter der Demokratie als die Literatur.
OBERMANN: Na ja, als die Literatur - das weiß ich nicht. Aber natürlich stellt der Sport eine Brücke dar, kann Problemstellungen auflösen. Wir haben zum Beispiel erstmals wieder eine Landesmeisterschaft ausgetragen, da kamen innerhalb von nur zehn Tagen insgesamt 250 000 Besucher - so viele Menschen bewegt sonst niemand.
ABENDBLATT: Trotzdem sind andere Entwicklungshelfer gegenüber Ihrem Fußballprojekt skeptisch?
OBERMANN: Ich bin mit einem Straßenbauexperten nach Kabul geflogen, und der hat mich gefragt, ob die Menschen in Afghanistan keine anderen Sorgen hätten, als jetzt Fußball zu spielen.
ABENDBLATT: Und was haben Sie geantwortet?
OBERMANN: Ich habe ihm gesagt, er tue etwas Materielles. Aber ich tue etwas für die Seele, denn Fußbälle sind nicht weniger wert als Pflastersteine.
ABENDBLATT: Und?
OBERMANN: Das hat er dann verstanden.
Interview: JAN HAARMEYER




Beauty, Style & Wellness
Dr. Borsay
Faszination Norwegen








Abendblatt auf Facebook
100. Geburtstag
Axel Springer



