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"Manager spielen sich in den Vordergrund"

Sportgespräch: Freiburgs Trainer Volker Finke über Probleme des Profifußballs, Jugendinternate und eine Breisgauer Tabelle.

ABENDBLATT: Herr Finke, Freiburg scheint als Bundesligastandort eine Idylle zu sein. Kein Profiverein agiert derart skandalfrei. Leben Sie in einem fußballerischen Schlaraffenländle?

VOLKER FINKE: Wir spielen jetzt im neunten Jahr erste Liga und dahinter steckt, ich sage das ohne Selbstmitleid, knüppelharte Arbeit. Wer wie wir nur beschränkte Einnahmemöglichkeiten im Vergleich mit den Clubs aus den Metropolen hat und dennoch Jahr für Jahr Millionen in die Verbesserung der Infrastruktur steckt, der hat am Transfermarkt einfach keinen Bewegungsspielraum mehr. Und so ist es extrem schwierig, für dieses Geld bundesligataugliche Spieler zu verpflichten.

ABENDBLATT: Im Vergleich zu den Megaclubs genießen Sie eine weit geringere Beachtung durch die Medien, namentlich durch die Boulevardpresse. Kommt Ihnen das entgegen?

FINKE: Das hat seine Vor- und Nachteile. Ich bin zwar bekanntlich kein Freund des Boulevardjournalismus, aber nur eine örtliche Tageszeitung zu haben, kann auch zum Problem werden, wenn man beispielsweise kein gutes Verhältnis zum Ressortleiter Sport hinbekommt. In so einem Fall kann es passieren, dass man sich nach mehr Vielfalt in der Presselandschaft sehnt.

ABENDBLATT: Es heißt, dadurch, dass Deutschland ein Importland für Fußballprofis geworden ist, hätte der eigene Nachwuchs zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten. Sind Quotenregelungen ein Lösungsweg?

FINKE: Ich glaube nicht, dass sich das durchsetzen ließe. Es geht nur über eine Optimierung der Ausbildung. Frankreich, die Schweiz und andere europäische Länder haben uns da einiges voraus. Die Internate, die jetzt den Proficlubs zwangsweise angegliedert sind, sind nicht unproblematisch.

ABENDBLATT: Wieso?

FINKE: Die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen wird beeinträchtigt, wenn sie sich zu früh nur noch mit Fußball beschäftigen. Sie brauchen auch Erfolgserlebnisse neben dem Fußballplatz, brauchen einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Schulabschluss, brauchen Kontinuität. Wenn Jugendliche mit 14 oder 15 die Schule abbrechen, weil sie sowieso Berufsfußballer werden wollen, dann ist das fatal. Denn es gibt kein Scouting, das die Entwicklung pubertierender Sportler annähernd verlässlich vorhersagen könnte.

ABENDBLATT: Sie gelten in der Branche als Außenseiter, weil Sie selbst kein Profifußballer waren.

FINKE: Abgesehen davon, dass ich Fußball in der höchsten Amateurklasse gespielt habe und schon ziemlich genau weiß, wie man gegen den Ball tritt, kann ich eine Alleinstellung in dem Fall für mich nicht reklamieren. Es gibt noch ein paar andere von dieser Spezies, zum Beispiel Christoph Daum oder Peter Neururer, aber auch der italienische Startrainer Arrigo Sacci. Im Übrigen haben beide Wege ihre Vor- und Nachteile. Erfahrungen aus anderen Lebensbereichen, ein wissenschaftliches Studium oder Kenntnisse über Trainingsmethoden in benachbarten Sportarten sind für die Arbeit als Fußballtrainer ja nicht schädlich.

ABENDBLATT: Womit hängt die gestiegene Bereitschaft zusammen, Trainer bei erstbester Gelegenheit zu feuern?

FINKE: Unter anderem damit, dass sich bei uns immer stärker die Manager in den Vordergrund stellen. Schauen Sie ins Ausland, nach England etwa, da sind die Trainer ein Begriff, von den Managern werden Sie kaum einen Namen kennen. Das ist bei uns anders. Und weil wir gerade im Ausland sind: Wir sollten eine Regelung aus Spanien oder Holland importieren, nämlich die, einen neuen Trainer erst dann auf die Bank setzen zu dürfen, wenn mit dem alten eine finanzielle Einigung erzielt worden ist. Auch das würde die Neigung zu Rausschmissen möglicherweise dämpfen.

ABENDBLATT: Sie persönlich sind als Bundesligatrainer ja noch völlig ohne Schmisse und Narben. Dabei ist das Geschäft härter geworden. Die Beschädigungen der Übungsleiter sei in deren horrende Gehälter quasi eingepreist, heißt es dann. Stimmen Sie dem zu?

FINKE: Nein. Ich gehe davon aus, dass Profitrainer für ihre Arbeit bezahlt werden und keine Schmerzensgeldempfänger sind. Außerdem existiert ein falsches Bild von unserem Job. Manche denken, es reiche, mit viel Geld Spieler zusammen zu kaufen und dazu einen Trainer, der ihnen, so wird es gern formuliert, in den Hintern tritt. In Wahrheit lässt sich Erfolg nicht erkaufen, sondern nur erarbeiten. Dem Trainer muss einfach Zeit gegeben werden, ein Team aufzubauen und zu formen. Dass Geduld sich auszahlt, zeigen nicht nur Beispiele wie Otto Rehhagel früher in Bremen oder Felix Magath aktuell in Stuttgart.

ABENDBLATT: Aber die Sponsoren möchten für die Millionen, die sie einschießen, ihren Produktnamen nun mal nicht auf Hemden von Verlierern lesen.

FINKE: Das ist verständlich, aber dieses Risiko ist ja bei Vertragsabschluss bekannt. Es steigen nun mal pro Saison drei Teams ab, und wenn ich mit einem der zehn möglichen Absteiger kooperiere, müsste diese Eventualität vernünftiger Weise einkalkuliert werden. Stattdessen produzieren manche Vereine Etatpläne, die auf Kante genäht sind und den Klassenerhalt oder mehr voraussetzen. In dem Moment, wo diese Ziele gefährdet erscheinen, erhöhen sie dann durch kostspielige Spielerkäufe oder Trainerwechsel das Risiko noch einmal und geraten so in eine verheerende Abwärtsspirale. Im Profifußball bewegt man sich auf dünnem Eis, man kann ausrutschen, einbrechen und im Extremfall ertrinken. So ist es Traditionsclubs wie Fortuna Düsseldorf ergangen oder auch Waldhof Mannheim, ein Verein, der jetzt in der Oberliga gegen unsere Amateure kickt.

ABENDBLATT: Wo liegt der Grundfehler?

FINKE: Jeder muss wissen: Fußballvereine lassen sich nicht uneingeschränkt wie Wirtschaftsunternehmen führen. Die Unwägbarkeiten sind viel höher als etwa beim Handel mit Zahnprothesen. Die Spieler unterliegen Formschwankungen, manche Partien werden durch Zufälle oder Fehlentscheidungen entschieden und jeden Sonnabend steht es beim Anpfiff wieder 0:0.

ABENDBLATT: Sie haben einmal verkündet, in Freiburg würde der Misserfolg erst mit Platz vier in der Zweiten Liga beginnen und sich damals heftigen Widerspruch eingehandelt. Stehen Sie zu dieser Aussage heute noch?

FINKE: Ohne Einschränkung. Als wir vor zwölf Jahren hier mit einem Mickey-Mouse-Etat von 4,5 Millionen Mark unsere erste Bundesligasaison in Angriff nahmen, war jedermann klar, dass alles andere als der sofortige Wiederabstieg einer Sensation gleich käme. Es herrschte keine Anspruchshaltung, sondern nur Dankbarkeit. Mittlerweile sind wir zwar zweimal abgestiegen, absolvieren aber schon unser neuntes Erstligajahr, da werden dann natürlich schon Stimmen laut, die meinen, man müsse die Messlatte mal etwas höher legen, zumal wir ja sensationeller Weise zweimal die Teilnahme am UEFA-Cup geschafft haben.

ABENDBLATT: Was entgegnen Sie solchen Forderungen?

FINKE: Wir haben in der Budgetierungstabelle der Bundesliga die Abstiegsplätze noch immer nicht verlassen. Das ist der gültige Maßstab. Geld schießt zwar nicht unmittelbar Tore, aber wenn Sie sich die Etatskala der Bundesligaclubs anschauen, dann ist sie immer weitgehend identisch mit dem realen Tabellenbild am Ende einer Saison - meist mit einem Ausreißer nach oben und einem nach unten. Wer davon träumt, wir könnten die Liga im Hurrastil aufmischen, wie es 94/95 einmal gelungen ist, der weckt falsche Erwartungen. Gemeinsam mit meinem Assistenztrainer Achim Sarstedt führe ich Statistiken, die aussagestärker sind als die gerade aktuelle Tabelle.

ABENDBLATT: Was sind das für geheimnisvolle Zahlenreihen?

FINKE: Zum Beispiel eine Zehn-Jahres-Wertung, in der wir auf Platz neun stehen. Noch besser siehts es aus, wenn man die Investitionen für Spielereinkäufe ins Verhältnis zu den erzielten Punkten setzt, wie viel Geld also jeder einzelne Punkt den Verein quasi gekostet hat.

ABENDBLATT: Wo stehen Sie da im Vergleich zur Konkurrenz?

FINKE: Ganz oben.

ABENDBLATT: Der SC Freiburg ist mithin der wahre deutsche Meister?

FINKE: Das haben jetzt Sie gesagt, aber von mir hören Sie keinen Einwand.

Interview: WERNER LANGMAACK

 

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